Vorurteile und Verfälschungen Die erste Schwierigkeit bei der Behandlung dieses Themas besteht darin, daß der Begriff "Jude" während der letzten 150 Jahre zwei unterschiedliche Bedeutungen hatte. Um dies zu verstehen, versetzen wir uns in das Jahr 1780. Zu jener Zeit verstand man unter "Jude" genau das, was die Juden selbst als ihre eigene Identität ansahen. Diese Identität war vorwiegend religiös geprägt. Die religiösen Vorschriften regelten jede Einzelheit des täglichen Verhaltens in allen Lebenslagen sozialer und privater Art unter den Juden selbst sowie in ihren Beziehungen zu Nichtjuden. Es ist buchstäblich wahr, daß damals ein Jude noch nicht einmal ein Glas Wasser im Hause eines Nichtjuden trinken durfte. Dieselben Grundgesetze für das Verhalten gegenüber Nichtjuden galten gleichermaßen vom Jemen bis nach New York. Gleichgültig, mit welchem Begriff die Juden des Jahres 1780 auch beschrieben werden (ich möchte hier nicht in eine metaphysische Diskussion über Begriffe wie "Nation" und "Volk" eintreten) - es ist unstrittig, daß alle jüdischen Gemeinden jener Zeit sich von den sie umgebenden nichtjüdischen Gesellschaften abgrenzten. Dies alles änderte sich jedoch durch zwei parallel verlaufende Prozesse, die in Holland und in England begannen und sich im revolutionären Frankreich und in den modernen Monarchien des 19. Jahrhunderts fortsetzten: Juden erhielten einen bedeutenden Teil der Individualrechte (in einigen Fällen sogar die volle Gleichheit), und die jüdischen Gemeinden verloren die gesetzliche Gewalt über ihre Mitglieder. Es ist dabei zu beachten, daß beide Entwicklungen gleichzeitig abliefen und die zweite, obwohl weit weniger bekannt als die erste, eine größerer Bedeutung hatte. Seit der Zeit des späten Römischen Reiches übten die jüdischen Gemeinden beträchtliche Macht über ihre Mitglieder aus, und zwar nicht nur die Macht, die sich aus der freiwilligen Mobilisierung sozialen Druckes ergibt (z.B. das Verbot, mit einem exkommunizierten Juden irgendetwas zu tun zu haben oder sogar seinen Leichnam zu vergraben), sondern die Macht des nackten Zwanges wie etwa Prügelstrafe, Einkerkerung und Vertreibung. All dies konnte das rabbinische Gericht über einen Juden für alle Arten von Vergehen legal verhängen. In vielen Ländern - Spanien und Polen sind herausragende Beispiele - war die Vollstreckung der Todesstrafe möglich, mitunter auch mit grausamen Methoden, wie das Auspeitschen bis zum Tode. Dies war nicht nur erlaubt, sondern wurde auch von staatlichen Stellen sowohl in christlichen als auch moslemischen Ländern gefördert, die neben dem allgemeinen Interesse an der Erhaltung von "Recht und Ordnung" in einigen Fällen auch direkte finanzielle Vorteile im Auge hatten. So enthalten z.B. spanische Akten des 13. und 14. Jahrhunderts viele von den frömmsten Katholischen Königen von Kastilien und Aragon erlassene Befehle, die ihre weniger strenggläubigen Beamten anwiesen, gemeinsam mit den Rabbinern die Einhaltung des Sabbats durchzusetzen. Warum? Verhängte nämlich ein rabbinisches Gericht gegen einen Juden wegen Verletzung des Sabbats eine Geldstrafe, so mußten die Rabbiner neun Zehntel der Strafe an den König abführen, was eine sehr profitable und wirksame Maßnahme war. Man kann auch die Responsen anführen, die kurz vor 1832 der bekannte Rabbiner Mose Sofer aus Preßburg (jetzt Bratislava bzw. Pozsonyi), das damals zum autonomen ungarischen Königreich im österreichischem Kaiserreich gehörte, verfaßte und nach Wien ins eigentliche Österreich schickte, das den Juden schon beträchtliche Individualrechte gewährt hatte. Er beklagt sich über die Tatsache, daß die Juden es mit der Einhaltung religiöser Gesetze nicht mehr so genau nähmen, da die jüdische Gemeinde in Wien das Recht zur Bestrafung von Missetätern verloren hätte. Er fügte hinzu: "Als man mir hier in Preßburg sagte, daß ein jüdischer Ladeninhaber es wagte, sein Geschäft während der Halbfeiertage zu öffnen, schickte ich sofort einen Polizisten hin, um ihn einzusperren." Dies war die wichtigste soziale Tatsache der jüdischen Existenz vor dem Entstehen des modernen Staates: Die Juden setzten die Einhaltung der religiösen Gesetze des Judaismus mit physischem Zwang durch, dem man sich nur durch Übertritt zur Religion der Mehrheit entziehen konnte, was unter diesen Umständen einen totalen sozialen Bruch bedeutete und daher mit Ausnahme in einer religiösen Krise praktisch unmöglich war. Mit dem Entstehen des modernen Staates verlor die jüdische Gemeinde ihr Recht, Juden zu bestrafen und zu bedrohen. Der Zusammenhalt einer der geschlossensten der "geschlossenen Gesellschaften", einer der totalitärsten Gesellschaften in der Weltgeschichte, zerbrach. Die Befreiung kam größtenteils von außen, auch wenn es einige wenige Juden gab, die von innen dazu beitrugen. Diese Form der Befreiung hatte ernste Folgen für die Zukunft. Im Fall Deutschland (nach der meisterhaften Analyse von A. J. P. Taylor) war es einfach, die Sache der Reaktion mit Patriotismus zu verbinden, da in der Tat die Armeen der Französischen Revolution und Napoleon die Individualrechte und die Gleichheit vor dem Gesetz nach Deutschland brachten. Man konnte daher die Freiheit als "undeutsch" brandmarken. Genauso leicht (und zwar besonders in Israel) fiel den Juden, die Vorstellungen und Ideale von Humanität und Rechtsstaatlichkeit als "unjüdisch" oder "antijüdisch" - was sie in einem historischen Sinne tatsächlich sind - und als Prinzipien zu attackieren, die zwar gelten, wenn sie "jüdischen Interessen" nützen, aber ungültig sind, wenn sie "jüdischen Interessen" schaden, also sich z.B. Araber auf dieselben Prinzipien berufen. Dies führte, wiederum gerade in Deutschland und den anderen Nationen in Mitteleuropa, zu einer verfälschenden, sentimentalen und ultraromantischen jüdischen Geschichtsschreibung, aus der alle unbequemen Tatsachen ausgemerzt wurden. Auch in Hannah Arendts umfangreichen Schriften über den Totalitarismus oder über Juden oder über beide findet man nicht den geringsten Hinweis darauf, wie es in der jüdischen Gemeinschaft im 18. Jahrhundert wirklich aussah: Bücherverbrennung, Verfolgung von Schriftstellern, Kontroversen über die magischen Kräfte von Amuletten, Verbot der elementarsten "nichtjüdischen" Ausbildung (wie der Deutschunterricht im korrekten Gebrauch der Sprache oder im Schreiben mit lateinischen Buchstaben). Niemand findet in den zahllosen in englischer Sprache abgefaßten "jüdischen Geschichtswerken" grundlegende Tatsachen über die Haltung der jüdischen Mystik (die derzeit in gewissen Kreisen so modisch ist) gegenüber Nichtjuden: Sie werden - so wörtlich - als Körperteile des Satans angesehen, und die wenigen nichtsatanischen Personen unter ihnen (d.h. diejenigen, die zum Judaismus konvertierten) seien in Wirklichkeit "jüdische Seelen", die verlorengingen, als der Satan die heilige Frau (Schechina oder Matronit), einer der weiblichen Teile der Gottheit und nach der Kabbala die Schwester und die Ehefrau des jüngeren männlichen Gottes (in ihrem himmlischen Wohnsitz), schändete. Die großen Autoritäten wie Gerschom Scholem haben mit ihrem Ansehen ein System von Betrügereien in all den "sensiblen" Bereichen gestützt, wobei die besser bekannten unter ihnen auch die unehrlichsten und demagogischsten waren. Als soziale Folge
dieses Liberalisierungsprozesses konnte ein Jude zum ersten
Mal seit etwa 200 n. Chr. innerhalb des bürgerlichen
Rechts eines Landes frei handeln, ohne dafür den Preis
des Übertritts zu einer anderen Religionsgemeinschaft
zu zahlen. Die Freiheit, in modernen Sprachen
abgefaßte Bücher kennenzulernen und zu lesen, die
Freiheit, von den Rabbinern nicht autorisierte Bücher
in Hebräisch zu lesen und zu schreiben (jedes
hebräische oder jiddische Buch mußte zuvor
genehmigt werden), die Freiheit, nichtkoschere
Nahrungsmittel zu essen, die Freiheit, die zahllosen
absurden Tabus hinsichtlich des Soziallebens zu ignorieren,
ja sogar die Freiheit des Denkens ("verbotene Gedanken"
zählen zu den schwersten Sünden), wurde den Juden
in Europa (und später in anderen Ländern) von den
modernen und sogar absolutistischen Regimen gewährt,
obwohl letztere gleichzeitig antisemitisch und tyrannisch
waren. Der russische Zar Nikolaus I. war ein notorischer
Antisemit und erließ zahlreiche Gesetze gegen die
Juden in seinem Staate. Er stärkte jedoch die
Kräfte von "Recht und Ordnung" in Rußland, und
zwar nicht nur die Geheimpolizei, sondern auch die normale
Polizei und die Gendarmerie, so daß es schwierig
wurde, Juden auf Geheiß der Rabbiner zu ermorden, was
in Polen vor 1795 recht einfach war. Die "offizielle"
jüdische Geschichtsschreibung verurteilt Nikolaus I.
deswegen in beiden Anklagepunkten. So befahl z.B. kurz vor
1840 ein "heiliger Rabbi" (ein Zaddik) in einer kleinen
jüdischen Stadt in der Ukraine die Ermordung eines
Häretikers, der in das kochende Wasser der
städtischen Bäder geworfen werden sollte.
Zeitgenössische jüdische Quellen vermerken mit
Erstaunen und Erschrecken, daß Bestechung "keine
Wirkung mehr hatte" und nicht nur die Täter, sondern
auch der "heilige Mann" schwer bestraft wurden. Das Regime
von Metternich war in Österreich vor 1848 notorisch
reaktionär und den Juden gegenüber sehr
unfreundlich eingestellt, ließ aber nicht zu,
daß liberale Rabbiner vergiftet wurden. Im Laufe des
Jahres 1848, als die Staatsmacht vorübergehend
geschwächt wurde, war das erste, was die Führer
der jüdischen Gemeinde in der galizischen Stadt Lemberg
(jetzt Lviv, Lwów bzw. Lvov) mit ihrer neuerlangten
Freiheit taten, den liberalen Rabbiner der Stadt zu
vergiften, den die winzige nicht-orthodoxe jüdische
Gruppe der Stadt aus Deutschland geholt hatte. Nebenbei
bemerkt, als eine der größten Häresien galt
die Befürwortung und tatsächliche Ausführung
der Bar-Mizwa-Zeremonie, die kurz zuvor eingeführt
wurde. |
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A/ 1- Israel - ein Utopia für Auserwählte?
B/ 6- Vorurteile und Verfälschungen
C/ 12- Orthodoxie und Interpretation
D/ 23- Die Bürde der Geschichte
E/ 33- Gesetze gegen Nichtjuden
F/ 49- Politische Konsequenzen
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